Samstag, 26. September 2015

"Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002"

von Astrid Lindgren und Sara Schwardt 


Darum geht es:

Berühmte Autoren bekommen viel Leserpost. Das ist nicht erst heute so aber heute kann man vieles relativ schnell per Mail beantworten. Zu Astrid Lindgrens Zeiten war das noch nicht der Fall. Sie musste zu Papier und Stift greifen, um ihren Lesern zu antworten. Das tut sie nach eigenem Bekunden auch sehr gewissenhaft, aber im Normalfall bleibt es bei einem einmaligen Austausch.

Ganz anders ist es, als ihr im Jahr 1971 die damals zwölfjährige Sara der 53-jährigen Astrid Lindgren einen leidenschaftlichen Brief schreibt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Brieffreundschaft, die Jahrzehnte andauert. Sie schreiben sich nicht oft, aber immer sehr innig, tauschen sich über das Leben, die Liebe, die Leiden der Jugendzeit und schließlich im wahrsten Sinne über Gott und die Welt aus. Am Ende sind es rund 80 Briefe, die im Astrid-Lindgren-Archiv der Königlichen Bibliothek in Stockholm lagen und mit Zustimmung von Sara in diesem Buch veröffentlicht wurden.

Lese(t)räumchen meint:

Ein ganz zauberhaftes und berührendes Buch!

In jeder Hinsicht außergewöhnlich. Allein, dass es diesen Briefwechsel überhaupt gab, dass Astrid Lindgren sich dem fremden Mädchen so geöffnet und ihr so viel Zeit gewidmet hat. Es bestand ja durchaus die Gefahr, dass ihre persönlichen Briefe an die Öffentlichkeit geraten könnten; wenn nicht absichtlich, dann doch versehentlich. Das wäre bei ihrem Bekanntheitsgrad sicherlich nicht angenehm für sie gewesen. Daher gibt Saras Beteuerung Deine Briefe lege ich unter die Matratze" dem Buch seinen Titel.

Die tiefe und lange Verbindung zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen die sich übrigens nie von Angesicht zu Angesicht begegnet sind! ist magisch. Letztlich erfährt man zwar weniger über Astrid Lindgren als über Sara, aber wie die berühmte Schriftstellerin sich auf ihre junge Brieffreundin einlässt, ist bemerkenswert. Sicher hat sie sich ihn ihr wiedererkannt, auch wenn ihr eigenes Leben ganz anders verlief.

Sara leidet an der Einsamkeit und Unverstandenheit ihrer Jugend, an der Schule, ihren Eltern, ihrer Selbstwahrnehmung. Astrid wiederum gewährt Einblicke in ihr Familienleben und ihre Arbeit; sie erwähnt hin und wieder die Bücher, an denen sie gerade arbeitet. Und auch sie führt kein Bilderbuchleben. Sie leidet an den Ansprüchen, die von außen an sie gestellt werden ("das Hamsterrad"), am Verlust von Freunden und vor allem dem Tod ihres Bruders, an der Schlechtigkeit der Welt. Sie war deshalb ja auch politisch sehr engagiert und brachte damit in Schweden einiges in Bewegung.

Formal ist sehr schön, dass einige der Briefe in Schwarz-Weiß abgebildet sind, sodass man sich einen Eindruck davon verschaffen kann, wie leidenschaftlich Sara ihre Briefe zu Papier gebracht hat - mit vielen Unterstreichungen, mit durchgestrichenen Wörtern, mit Anmerkungen.

Und womit Astrid Lindgren heute noch genauso aktuell ist wie vor 30 Jahren: In ihrer rigoros ablehnenden Haltung gegenüber dem Rauchen und dem Alkoholkonsum. Was sie in zwei sehr eindringlichen Briefen an Sara dazu geschrieben hat, könnte man heute noch jedem Jugendlichen unter die Nase halten.

Eine Stelle möchte ich zitieren, weil sie so typisch ist für Astrid Lindgrens unverblümte Art und ihren trockenen Humor: Auf Seite 190 in einem Brief zu Weihnachten 1979 schreibt sie: 
"Nach der Korrespondenz fragst du. Ja, das ist schlimmer denn je, besonders lästig sind die Deutschen. Seit ich in Frankfurt den Friedenspreis bekommen habe, habe ich jeden Morgen die halbe Nation im Briefkasten."  
Man muss sie einfach liebhaben! Sara ist übrigens wie Astrid Schwedin, das heißt, beide schrieben in ihrer Muttersprache.

Fazit:  

Ein ganz besonderes, zauberhaftes und bereicherndes Buch für jedermann. Und natürlich ein absolutes Muss für jeden Astrid-Lindgren-Fan. Ich persönlich bewundere sie nach der Lektüre noch ein bisschen mehr als ohnehin schon.


Steckbrief:

"Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002"  
Astrid Lindgren und Sara Schwardt
Umfang: 204 Seiten
Preis: 19,99 Euro
Verlag: Oetinger
Erscheinungsdatum: 17. September 2015

    

Kommentare:

  1. Andrea Trinkenschu27. September 2015 um 15:56

    Toll gemacht. Gut aufgebaut und interessant (informativ )zu lesen! (y) Weckt Interesse !

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    1. Danke dir!! Ich wünsch dir weiterhin viel Spaß mit neuen Besprechungen und Buchtipps!

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  2. Danke für die schönen Worte. Jetzt habe ich auch schon ein Weihnachtsgeschenk für meine Schwiegermutter. Freue mich auf mehr. GLG :-)

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    1. Perfekt!! Vielleicht kannst du es ja selbst vor dem Verschenken auch gaaaanz vorsichtig lesen. :)

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  3. Dank deiner super schönen Buchbesprechung, habe ich mir heute sofort das Buch bestellt. Ich freue mich drauf zwischen all den Krimis endlich wieder mal was mit Geschichtlichem Hintergrund zu lesen.

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    1. Das ist ja wohl das schönste Kompliment, Lia! :) Lieben Dank und viele schöne Lesestunden mit diesem tollen Buch!

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